Der Zug rollte von Nordosten auf die Stadt zu und weil ich mit einem Mitreisenden in ein Gespräch über das Fahrradfahren verwickelt war, verpasste ich dieses Mal, die hohen Wahrzeichen der Stadt schon aus der Ferne zu sehen. Zu sehen, wie ihre Türme in den Himmel ragten, und mir sentimental an die Brust zu fassen und in Vorfreude aufzublühen. Mein kleines Pflänzchen der Aufregung selbst gießend mit meinen Tränen, Tränen der Freude. Einen Ort zu besuchen, an dem man gewohnt hat. Einen Ort zu besuchen, an dem man bekannte Wege hatte und Lieblingsorte, an denen die Sonne genau richtig durch die Blätter schien und das Maigras vor Frische kalt die Unterschenkel kitzelte. Ein Ort, der einem so viel Wärme und Liebe geschenkt hat, aber auch ein Ort, an dem man so viel Schmerz und Verzweiflung gespürt hat. Ein Konflikt, den man verlassen hat, mit guten Gründen. Eine Entscheidung, die man auch jetzt, wenn man von Nordosten auf die Stadt zurollt und vor Aufregung zittrige Knie bekommt, nicht bereut. 

In einem Gespräch mit einem netten, glatzköpfigen Mittreisenden verwickelt, dehnten sich die letzten Minuten der Zugfahrt, wie noch saftig frisches Kaugummi und erstaunt über meine Fähigkeit ein stabiles Gespräch mit einem Fremden führen zu können, vergaß ich für einen Moment, meinem Gegenüber zuzuhören. Ich drehte mich kurz zu dem Fenster hinter mir um. In grauen Himmel getauchte Landschaften zogen an mir vorbei und ich musste mich zurückhalten, nicht an die Fensterscheibe zu rücken, meine Stirn an das Glas zu legen, um einen Blick der vor uns liegenden Stadtsilhouette zu erhaschen. Er erzählte etwas über das Fahrradfahren in der Stadt und nickte in Richtung seines, neben meinem hängenden, Fahrrads. Ich erinnerte mich daran, dass ein Gespräch aus zwei aktiven Teilnehmenden besteht, stimmte ihm zu, schwang mich in Gedanken aber schon auf den Sattel, hielt an der Kreuzung und stellte mir vor, wie ich den bekannten Weg fahren würde; dort beschleunigen, wo ich auch früher, freudig, von der Musik aus meinen Kopfhörern angetrieben, in die Pedale getreten hatte. Noch kicherten wir über unsere geteilten Erfahrungen mit guten und weniger guten Fahrradwegen, doch gleich, ganz bald werde ich mein Fahrrad schultern und aus dem Zug steigen, meinen Fuß auf den Beton setzen, die Halle verlassen und grinsen. Ich war zurück. Ich stand wieder hier und ich freute mich. Die Stadt war noch dieselbe, nahm mich mit offenen Armen auf und ich ließ mich mit den am Bahnhof vorbeifahrenden Autos in ihren Strom saugen. Ich hielt ihre Hand und radelte einhändig los. 

Es ist schön zu merken, dass eine Lücke geblieben ist. Dass dort zwischen den Häusern, dass dort zwischen den Bäumen, dass dort im Unterholz und dort am Ufer, dass dort zwischen den Autos und den Trams und den Menschen noch Platz ist. Dass der Ort, den ich mal besiedelt hatte, noch da war, dass die Dornen, die mir bedrohlich entgegenwuchsen, vor der Lücke, die ich dann hinterließ, zurückgeschreckt waren und respektvoll den Leerraum umwuchsen und mich jetzt wie ein schützender Wall umnesteten. 

Ich atmete auf und schloss mein Fahrrad an, sah sie schon durch die großen Glasscheiben, erhaschte einen kurzen Blick auf ihren blonden Schopf. Der liebe Topfschnitt war nun länger geworden, struppiger, aber noch so vertraut. In den begrüßenden Armen liegend war es, als hätten wir uns erst gestern verabschiedet und etwas in mir kam zur Ruhe. Das war ein Stück zuhause und ich war wieder da. Der Schlüssel passte noch und beim Aufschließen der Tür begrüßte mich warmes Licht. Waren es zwei Monate schon? Lang irgendwie, aber auch kurz. Wir kicherten und machten uns auf dem Heimweg. Hier und da ging ich schonmal meine Runden und hatte letztes Jahr zu dieser Jahreszeit erst zu den Bäumen hinaufgeschaut und das frische Grün begrüßt. Ich schaute dieses Jahr zu den Bäumen hinauf und das frische Grün war bereits aus den Knospen gebrochen. Es kannte mich nicht, aber die Rinde erinnerte sich noch an meine Hände, der Geruch war der gleiche und sie schlossen und öffneten ihre schweren Baumaugen in meine Richtung, sahen uns hinterher. 

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