Nichts hat so eine Wertigkeit wie der eigene Raum. Nichts hat einen so hohen Stellenwert, wie die vier Wände, die mich umgeben. Nichts nimmt mich so warm zu sich, wie die Luft in meinem eigenen Zimmer, wenn ich die Tür schließe. In meinem eigenen Raum gibt es ein Fenster und eine Tür zum Balkon. Wenn ich auf dem Sessel in meinem Zimmer sitze, bade ich im Licht. Erst schüchtern sickert es in den Morgenstunden durch den Webstoff meiner Vorhänge und spielt mit den Säumen. Es legt sich wie ein Schleier über mein Gesicht und weckt mich sanft. Später dann malt die Sonne mit dicken Pinselstrichen warmgelbe Quadrate an das Weiß der Wand. Später dann suhlt sich der aufgewirbelte Staub im Lichtstrahl wie junge Spatzen in einer Sandkuhle. Später dann kehre ich zurück und mich umgarnt ein Gefühl unendlichen Reichtums. Im eigenen Raum streckt sich das Licht bis an die hinterste Wand, vollführt den letzten Akt und verschwindet mit einer Verbeugung achtungsvoll hinter dem Nachbarsdach und mich umfließt eine Traurigkeit, als würde das Licht nie wiederkehren.

Der eigene Raum ist auch dunkel, der eigene Raum ist kalt und der eigene Raum hat einen Widerhall, der sich zu einem ohrenbetäubenden Rauschen aufbäumt. Im eigenen Raum gibt es Wände zu allen Seiten und Ecken, in denen meine Rufe verloren gehen. Im eigenen Raum stehen Schaufel und Spitzhacke bereit. Im eigenen Raum entleere ich mein Inneres, schippe klebrig rotes Gedärm auf meinen Teppich und weine vor Argwohn. Im eigenen Raum lasse ich mich vor dem Haufen nieder und erschrecke vor seiner Unordnung. Im eigenen Raum fließen Tränen und Blut und schließlich wird im eigenen Raum gesammelt. Im eigenen Raum lade ich mir die Arme voll, raufe alles zusammen, was bewahrt werden muss, verinnerliche es und verschließe die Wunden wieder. Der eigene Raum ist mein Spielfeld, mein Zelt und mein Massengrab.

Bis das Licht wieder durch die Maschen meines Vorhangs sickert und die Sonne in ihrer ewig unerschütterlichen Routine die Wunden der Nacht mit goldenen Pflastern bedeckt. 

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