Erwachsenwerden ist schwer und das Bewusstsein (im Sinne von “sich bewusst sein”) über diese Welt ziehe ich wie einen großen Felsbrocken an dünnen Schnüren, die mir in die Hände schneiden, hinter mir her. Während vor meinem Fenster Autos die Straße hinabrollen und Menschen in beleuchteten Wohnungen ihrem Leben nachgehen, frage ich mich, wie ich es geschafft habe, über die Runden zu kommen, obwohl ich seit fast zwei Wochen nicht wirklich dazu gekommen bin, einzukaufen. Kaum setze ich einen Fuß vor die Tür, rauscht der Tag wie Taubenschwärme über den Dächern der Stadt an mir vorbei und ehe ich mich versehe, ist die Sonne von Osten nach Westen gewandert und ich krame wieder nach dem Schlüssel an meinem Hosenbund, öffne erst den Karabiner, die Wohnungstür und dann meinen Hosenstall. Ich schäle mich aus meiner Jeans, liege erschöpft in Unterhose auf meinem Bett und lasse die Eindrücke des Tages von mir fließen. Es muss sich etwas ändern und während ich mein Gehirn mit Reels ruhigstelle, denke ich darüber nach, wie ich es schaffe, wieder in meinen Körper zurückzufinden. Mein Screen zeigt mir Gesichter, die ich nicht kenne, Fit Checks, wütende PolitikerInnen, Videos von Dackelwelpen, Kriegsgebiete und schöne Menschen, die zu Diet Pepsi von Addison Rae tanzen. Ich raffe mich auf und auf der Suche nach etwas, was meinen Magen füllt, öffne ich die Kühlschranktür. Traurig schauen mir matschige, halb aufgeschnittene Gemüseteile entgegen. Ich versuche, mich an die vielen low-effort Gerichte von meiner for you-page zu erinnern und finde in meinem Gehirn doch nur KI-generierte Pferde, die plötzlich ihre Reiter abstoßen und anfangen Salsa zu tanzen. “Das ist doch sinnlos”, denke ich, mansche mir einen kleinen Rest Avocado auf ein Knäckebrot, klaue eine Banane von meinem Mitbewohner und mache mich auf den Weg zurück in mein Zimmer. Ich denke zurück an eine frühere WG mit meiner Freundin Marie. Nicht nur teilten wir uns einen Namen, sondern auch die Kleiderschränke, die Bodylotion und den Inhalt unseres Kühlschranks. Es war ein zelebratorisches Ritual, am Mittwoch oder Samstag Morgen gemeinsam auf den Markt zu gehen, uns mit frischem Gemüse und Obst einzudecken und nebenbei den Marktmann für gute Preise um den Finger zu wickeln. Essen war ein essentieller Teil unseres Lebens und gemeinsam oder für die andere zu kochen ein Akt der Zuneigung und Wertschätzung. Irgendwie muss ich lernen, das Gleiche auch für mich zu tun, realisiere ich, als ich in die halbreife Banane beiße und mit meiner Zunge den Pelz auf meinen Zähnen abtaste, der sich in Sekundenschnelle gebildet hat.
Ich dachte lange, Einsamkeit sei ein Thema alter Menschen, von SeniorInnen, die in Altersheimen ihren Lebensabend abwarten, sich nicht mehr gebraucht fühlen und zwar gesehen werden, mir in der Innenstadt über den Weg laufen, ja, das Stadtbild prägen, aber doch irgendwie irrelevant sind. In den Zwanzigern hingegen, wenn man jung und frei ist, wenn die einzige Frage, die man sich stellt, lautet, ob man mal wieder zur Statistik-Vorlseung gehen sollte oder sich noch auf einen Kaffee mit FreundInnen trifft, hat Einsamkeit doch keine weitreichende Bedeutung. Nein, man bleibt connected, schlürft gemeinschaftlich Iced Matcha Latte, sitzt in kleinen Gruppen im Park und während die Sonne untergeht, spielt jemand tech-house über die JBL Box. Hinterher landen Beweisfotos in den sozialen Kanälen. Man wird verlinkt, liket, kommentiert und repostet und wer zuhause geblieben ist, kann sich in vier verschiedenen Instagram Stories die selben Fotos anschauen und sich ärgern, dass man mal wieder zu sehr seinen eigenen Frieden geschützt hat.
Tatsächlich ist es ein schmaler Grat, ein Drahtseilakt, sich im Durcheinander unterschiedlichster Lebensentwürfe zurechtzufinden, die einem ungefragt in den Feed gespült werden. Wofür man früher noch in Buchläden gehen oder Zeitschriften durchblättern musste, was damals mehr einer bewussten Entscheidung entsprang, gräbt man nun, mit der einfachen Bewegung des Daumens aus den Tiefen seines Instagram oder TikTok Algorithmus hervor. Denn selbst kleine CreatorInnen, diese die doch wirklich irgendwie noch so sind wie du und ich, die du auch montags in der Statistikvorlesung treffen könntest, würdest du nur hingehen, präsentieren dir letztendlich doch gewissenhaft kuratierte Inhalte aus ihrem Leben. Solche, die dich hinterfragen lassen, ob du dir mehr Mühe bei deinen Outfits geben solltest, ob das alte Bücherregal, das dich seit deiner Kindheit begleitet und eigentlich schön und funktionell ist, nicht doch einem dieser Tylko-Regale weichen sollte, die jetzt irgendwie alle haben und ob es nun besser ist, sich zu schützen, mehr Zeit in Selfcare (hier die Stern-Emojis am Anfang und Ende des Wortes einfach dazu denken) zu investieren, mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen oder vielleicht doch diesen Freitag rauszugehen, erst vorm Späti zu hocken und dann die Nacht durchzutanzen, sich vom Bass durchschütteln zu lassen und am Morgen absurde Weitwinkelfotos von sich und seinen FreundInnen beim Biertrinken oder Döneressen in der Galerie zu finden. Ja, mit Kopfschmerzen aufzuwachen, aber wenigstens kann man die Story nun auch reposten, man ist ja dabei gewesen. Genau wie durch Werbung Bedürfnisse geweckt werden, die man eigentlich gar nicht hatte, ploppen beim Anblick scheinbar perfekter Leben, die sich hinter dem Screen deines Smartphones abspielen, Fragen in deinem Kopf auf, von denen du nie dachtest, sie beantworten zu müssen, sodass du denkst, erkannt zu haben, dass wirklich alles ein bisschen viel war die letzten Wochen, dass du mal wieder deine Yogamatte ausrollen möchtest, auch mal Nein sagen solltest, um mehr Zeit für dich zu haben, dich selber besser kennenzulernen, journaling zu betreiben (auch hier bitte die Stern-Emojis dazu denken) und einfach mal Grenzen zu setzen. Denn es ist eine Tugend, ja, eine charakterliche Stärke, mit sich selbst auszukommen und alleine sein zu können. Ich möchte nicht sagen, dass es verwerflich ist, sich selber in Schutz zu nehmen und das eigene Wohlbefinden auf die höchste Stufe zu stellen, tatsächlich etwas, was ich noch lernen möchte, aber zu welchem Preis?
Als ich zwei Jahre in Leipzig verbracht habe, relativ schnell mit meinem damaligen Freund zusammenzog, er nach drei Wochen Schluss machte und ich alleine da saß, fiel ich in ein großes Loch. Zwar versuchte ich, die Enttäuschung zu übertünchen, doch langsam aber sicher zog ich mich in mein Schneckenhaus zurück. Nichts schien zu funktionieren. Ich kämpfte mit den Anforderungen meines Studiums, fiel durch diverse Prüfungen, suchte lange nach einer Mitbewohnerin, bekam Absage nach Absage und wurde dann nicht richtig warm mit der Person, die letztendlich einzog. Auf Spaziergängen durch die Parks in meinem Viertel schlängelte ich mich beängstigt, aber staunend vorbei an auf den Wiesen drapierten Menschen und fühlte den Neid und die Missgunst in mir hochsteigen. Wie, wenn man nach einer Trennung überall knutschende, frisch verliebte Paare zu sehen scheint, die kaum die Finger voneinander lassen können und man ihnen am liebsten an die Gurgel springen möchte, erfüllte mich der Anblick fröhlicher, in rege Gespräche vertiefter Menschengruppen mit Wut. Zwar hielt ich daran fest, ein selbstloser und gönnender Menschen zu sein, mich an dem Glück und Vergnügen anderer zu erfreuen, doch gleichzeitig umfloss meine Organe eine tiefe Traurigkeit und Enttäuschung. Während ich ein und aus atmete und versuchte das Gefühl wie ein vorbeifliegendes Wölkchen weiterziehen zu lassen, hüllte die Sonne die Stadt in das gelbe Kleid des Sommers und man pferchte sich zusammen auf den wenigen Schattenplätzen, wo das Gras noch saftig grün war. Ich stakste in meinen Flip-Flops über die restliche, größtenteils sonnenverbrannte Rasenfläche und versuchte so auszusehen, als würde ich in der Menge meine Leute suchen, doch die Hyperpriorisierung meines Bedürfnisses nach Ruhe und einer Pause, hatte mich, zumindest in meinen Augen, aus den Köpfen meiner FreundInnen verschwinden lassen und ich begann, mich langsam aufzulösen. Gelähmt von existenziellen Fragen nach meinem Selbstverständnis und der Definition meines Charakters, einer Idee, wie ich mein Leben führen möchte, der Angst, gesellschaftlichen Vorstellungen nicht gerecht zu werden und danach, wie man als erwachsene Person Freundschaften, Träume, Beziehungen, Wünsche, Geld und emotionale Kapazitäten jongliert, fand ich mich in einem Limbo-Zustand wieder, der es mir unmöglich machte, überhaupt irgendwas zu tun und in schlechten Phasen war das höchste aller Gefühle, drei Mal am Tag meinen Hund über die Hundewiese zu scheuchen. Zum Glück blicke ich nun, aus einer deutlich stabileren Position auf diese Vergangenheit zurück. Ich wechselte den Wohnort und das Studium und wiege mich in einem Netz aus engeren und loseren Freundschaften, das mich im Alltag auffängt. Ich bewege mich in einem kleinen Mikrokosmos, der mich zwar irgendwie in Watte packt und sich manchmal so anfühlt, als sei man gerade fern genug vom Weltgeschehen, um sich doch den Gedanken zu erlauben, dass das, was einem manchmal zentnerschwer auf der Brust lastet, einem hier nicht zur Gefahr werden kann, der einem so gesehen die Augen und Ohren zuhält, aber dafür irgendwie ein wohliges Gefühl von Zuhause vermittelt, das ich so noch nirgendwo anders gespürt habe.
Wenn durch die Teilhabe an der digitalen Welt die Grenzen zwischen dem “echten” Leben und seiner Projektion verschwimmen, Menschen, die man online sieht, einen schon jahrelang begleiten und sich fast wie FreundInnen anfühlen, ja, wenn man am Tag mehr Gesichter auf seinen Screens sieht als in echt, welche Aspekte schmücken dann meinen Alltag und summieren sich dazu, was unterm Strich leben bedeutet? Letztendlich befindet man sich doch, geblendet von der scheinbaren Echtheit der Menschen online, unter einem Schleier falscher Authentizität, der einen in dem Gefühl wiegt, zu kennen und gekannt zu werden, nur um sich außerhalb dieser Welt und den eigenen vier Wänden in einem Strom der Anonymität wiederzufinden. Es ist fast ironisch, denn ist man in den sozialen Medien unterwegs, spürt man eine (oberflächliche) Verbundenheit mit der Welt: Man ist am Zahn der Zeit, man hört mit, man diskutiert mit, man weiß, worüber im Internet gesprochen wird. Das wahre Verbundensein aber, also Menschen zu sehen, kleine Momente mit Fremden und FreundInnen zu teilen, das kurze Abchecken, wie es einander geht, sich Hallo und Tschüss zu sagen, ja gekannt zu werden, kommt hierbei zu kurz. Ein Gefühl, das nicht neu ist, aber durch das digitale Zeitalter neue Extreme annimmt. Alfred Wolfenstein schrieb 1914, vor mehr als hundert Jahren, in der letzten Strophe seines Gedichts “Städter” schon von Einsamkeit:
und wie still in dick verschlossener Höhle
ganz unangerührt und ungeschaut
steht ein jeder fern und fühlt sich: alleine
Wenn ich heute diese Worte lese und an die vergangenen zwei Jahre zurückdenke, beschleicht mich das Gefühl, kein Einzelfall zu sein. Dass Gemeinschaft und Zusammenhalt für den Menschen als Spezies eine unausweichliche Voraussetzung zum Überleben ist, lässt vermuten, dass solche Einsamkeitsgefühle, die, wie langsam klar sein sollte, nicht exklusiv alte Menschen begleiten, logisch gesehen mit ziemlich einfachen Mitteln zu lösen scheinen, oder nicht? Leider sind, genau wie das Bedürfnis nach sozialem Halt, auch Gewohnheitsstrukturen quasi ein Teil menschlicher DNA und aus ihnen auszubrechen fühlt sich manchmal an, wie sich auf das dünne Eis eines frühwinterlichen Sees zu begeben.
Ich liege also auf dem Bett, kaue auf der Banane rum und fahre mit meiner Zunge meine Zähne entlang. Meine Gedanken kreisen wie Geier über frischem Aas und ich frage mich, was mich in diesen Zustand gebracht hat. Wieso habe ich das Gefühl, nur noch zu funktionieren und wieso empfinde ich so wenig Freude am Essen? Warum durchläuft mich ein Gefühl tiefer Unzufriedenheit, wenn ich daran denke, mir aus den wenigen Zutaten, die mein Kühlschrankfach zu bieten hat, etwas zusammen zu würfeln, was mir am Ende doch nicht schmecken würde. Ich merke, wie ich innegehalten habe und schlucke den Bananenbrei in meinem Mund herunter. Im gleichen Moment vibriert mein Handy und das Display erleuchtet den dunkler werdenden Raum. Ich richte mich auf und sehe eine Nachricht von Marie, die mich zum Abendessen mit ihrer WG einlädt. Ich atme auf und schicke euphorisch eine Zusage in Großbuchstaben und verspreche, alles mitzubringen, was ich noch da habe. Mit allen Utensilien in einem Jutebeutel mache ich mich beschwingten Schrittes auf den Weg, atme die kühle Abendluft ein, die vom Wasser hochsteigt und verspüre eine Leichtigkeit. Etwas hat sich verändert und plötzlich kommen mir die Gemüsereste in meinem Beutel nicht mehr alt und unappetitlich vor. Auf dem kurzen Stück, das zwischen unseren WGs liegt, sind Bilder von KI-generierten Pferden und zu schönen Menschen etwas gewichen, was sich vertraut, aber ungewohnt anfühlt. Etwas, was in meinen Tiefen etwas hervorkitzelt, was lange verschüttet war und etwas, was mich tiefer einatmen lässt, was meinen Blick zum Himmel richtet, etwas, was meine Kiefermuskulatur entspannen lässt, meine Schultern senkt und warmes Blut in meine kalten Fingerspitzen pumpt. Ich sehe mich vor einem Ufer stehen, die Wiesen kristallin vom Morgentau. Ich strecke einen Fuß über die Wasserkante und ertaste die Eisschicht, die über das Wasser gewachsen war. Ich höre das Wasser unter ihr Gluckern, doch ich traue mich, meinen Fuß stärker zu belasten. Ich halte den Atem an und alles ist still. Der Schnee verschluckt jeden Schall und ich horche auf das Knacken der Eissischt, aber da ist nichts außer eine Krähe in der Ferne und das Geräusch meiner Schritte in der Straßenschlucht, das mich wieder zurück in die Realität holt. Ich biege in ihre Einfahrt, klettere die kleine Stufe zur Haustür empor und strecke meinen Zeigefinger zu ihrem Klingelknopf.

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