Wenn sie nur nicht so anspruchsvoll wäre, dachte Orla, als sie den Berg hinab und auf das Wasser zuging. Die kalte Morgenluft prickelte auf ihrer Haut, als würde sie sie mit unzähligen kleinen Spitzen durchbohren wollen. Orla nahm sie mit ihrem Atem auf und ließ die Kälte sie durchlaufen und in ihr tauchen. Jeder Schritt hallte leise, aber fordernd in der leeren Straßenschlucht, als wäre der Boden selbst wach und würde ihr lauschen, gar antworten. Wie durch den Sucher einer Kamera, schaute sie durch die Häuserlücke auf den glatten Spiegel des Wassers und sah wie die Sonne in goldener Morgenmanier auf die Oberfläche tropfte. Alles, was oberhalb seiner Geradlinigkeit treu blieb, verwandelte das Wasser in abstrakte, abstruse Formen, zitternd, sich stets bewegend und in ewiger Veränderung gefangen.
Die Hafenkante stoppte Orlas Schritte, sie verharrte und ließ sich vom Spiegelspiel des Wassers umgarnen. Sie beugte sich über die Kante und sah ihr eigenes Abbild oder das, was von ihr im flackernden Licht zu verlaufen schien und wie Orla da stand, fragte sie sich, ob sie das Wasser beobachtete, oder ob es Orla ansah und sie aufnahm in seine unstete Erzählung. Es war nicht nur das Wasser, was sie ansah – es war eine Erwartung, ein Urteil, als ob die Welt selbst die Luft aus ihr presste. Orla wollte wegsehen, aber ihre Augen klebten an der Reflexion, und, gefangen in diesem stummen Dialog mit ihr selbst, schien es ihr, als würde das Wasser jedes ihrer Geheimnisse in sich aufsaugen, jede Regung ihres Körpers messen und ihre Einsamkeit entblößen.
Dort angekommen, erlaubte sie sich den ersten tiefen Atemzug, fingerte nach den Münzen in ihrer Manteltasche, die die Mutter ihr gegeben hatte und versuchte sich zu erinnern, welche Blumen sie nicht wollte. Waren es Geranien oder doch Rosen? “Dein kleiner Kopf ist ein Sieb, mein Kind.”, hatte Mutter immer gesagt und ihr bestimmt und leicht fordernd auf den Kopf getätschelt. “Lass ihn nur nicht irgendwo liegen. Du weißt, er ist dein größtes Gut.”, schob sie hinterher und war zu schnell wieder in ein Buch oder die Zeitung vertieft, als dass Orla die Chance gehabt hätte, etwas zu erwidern. Es war dann, als würde sich ein Druck in ihr aufbauen. Der Wunsch, etwas schlaues oder pfiffiges zu antworten, was die Mutter verwundern, gar erschrecken ließ, rollte in ihr wie eine Welle heran, die Orla dann in ihrer Kehle zerbersten spürte und nie in den Genuss ihres Geschmacks auf ihrer Zunge kam.
Orla entschloss sich, auf dem Weg zum Floristen weiter über Mutters Anweisungen zum Blumenkauf nachzudenken und balancierte auf der Hafenkante entlang. Ihr Blick haftete am Wasser und sie kicherte über die schwimmende Gestalt, die jede ihrer Bewegungen kopierte. Holte sie weit mit den Beinen aus, schritt sie wie die Palastwachen, folgte ihr der menschenähnliche goldene Fleck im Wasser mit kurvigen Bewegungen, glitt auf der Wasseroberfläche und schmiegte sich an den kleinen Wellen entlang. Ein fremdes Spiegelbild, dachte Orla. Etwas, was sie war, aber irgendwie auch nicht. Vielleicht eher etwas, was sie gerne wäre. Ja, das Wasser war so verlockend und trotz der herbstlichen Morgenfrische, hatte es auf das Mädchen eine magische Anziehungskraft, als würde nur Orla seine Sprache verstehen. Wenn sie doch nur die Zeit hätte, einen Zeh hinein zu tunken, ihn verschwinden zu lassen und sich beißen zu lassen von der bittersüßen Kälte, den Zeh schmerzlich zurückzuziehen und dann doch mehr zu wollen. Sie könnte sich ausziehen und gänzlich eintauchen. Ja, dann würde sie für immer die Luft anhalten und der Mutter einen Blumenstrauß aus Algen pflücken. Aber nein, die Wasserflecken auf der guten Tischdecke würden sie stören und überhaupt, die Zeit rannte und sicher hatte Mutter inzwischen schon die Teller bereitgestellt, eine Schallplatte aufgelegt und polierte bereits das gute Besteck während sie wehleidig summend die Klänge der Musik begleitete. Orla entriss sich ihrem Wunsch und machte sich an der Hafenpromenade entlang auf den Weg in die Stadt.
“Guten Tag.”, grüßte sie eine Gruppe Fischer, die ihr in schweren Gummihosen stampfend in ihren Stiefeln entgegenkam. Sie schulterten nass tropfende Reusen dessen Schnuren sich, unter dem Gewicht der silbernen, glänzend, wie in Öl getunkten, Fische, in ihre fleischigen Schultern schnitt. Im Vorbeigehen blieb Orlas Blick an ihren Augen hängen. Wie kostbare Perlen schmückten sie die kleinen Köpfe und offenbarten unendliche Leere. Weißlich-grau umrandete eine feuchte, doch glanzlose Iris die Pupille. Das muss der Tod sein, dachte Orla. Ob Vaters Augen auch so matt waren? Was reflektierten Augen noch, wenn sich hinter ihnen nur Leere befand? Ein Fischer nickte und murmelte etwas in seinen dicken Schnurrbart, schnaubte und verschwand dann aus Orlas Blickfeld. Sie wollte sich am liebsten umdrehen und beobachten, wie die Tiere unter den regelmäßigen Schritten der Fischer in ihren Käfigen auf und ab wippten, aber stattdessen folgte sie der Spur aus Wassertropfen, die von den Reusen fielen, in die Richtung aus der die Fischer gekommen waren.
Die Blumen sollten frisch sein. “Denk daran zu sagen, dass ich dich schicke. Dann weiß der Florist, nur die besten Stängel zu nehmen.”.
Orla dachte daran, wie sie gleich um die Ecke biegen würde. Das Wasser würde sie hinter sich lassen, eine Lücke zwischen den Autos finden und die Straße überqueren. Das leise Klappern der Segelmasten, das jetzt noch wie ein fernes Orchester wundersame Töne in ihr Ohr flüsterte, voller Dissonanz, trotzdem harmonisch und nach Orlas Meinung tausendmal schöner, als jede Schallplatte, würde mit dem eifrigen Treiben der Einkaufenden übertönt werden. Schnelle Schritte auf unebenen Straßen, klappernde Absätze auf altem Kopfsteinpflaster und Orla würde sich einfügen. Sie würde, flink wie ein Wiesel, zwischen den Marktständen und Wägen, Frauen und Männern und tollenden Kindern hindurch schlüpfen, die Münzen in ihrer Manteltasche fest umgreifen, dass sie ja keine verlor und sich im Kopf wie ein Mantra die Blumenbestellung der Mutter aufsagen, die ihr jetzt wieder eingefallen war.
“Bloß keine Rosen, Orla. Das findet Großmutter kitschig. Für Beerdigungen ist das, sagt sie doch immer. Oder Orla? Erinnerst du dich an ihre ewige Leier?”, sprach Mutter jetzt nochmal in Orlas Kopf.
Orla sah sie wieder vor sich, wie sie, noch im Morgenmantel, im Badezimmer stand und mit einer Bürste ihre Locken zurechtstutzte. Das Mädchen hockte auf dem Holzschemel und schaute der schmalen Gestalt der Mutter dabei zu. Orla sah, wie Ihre Finger, der Anblick so vertraut, nach dem roten Lippenstift griffen. Sie drehte die Kappe ab und in der Spiegelung beobachtete sie, wie die Mutter, nun weit zum Spiegel vorgebeugt, sich eine rote Linie um den Mund zog. Orla war gebannt von ihrer Schönheit. Davon, wie ihr die dicken Locken auf die Schultern fielen, wie sich der Morgenmantel an sie schmiegte, der Gürtel ihre Hüften betonte und der Stoff seiden ihre Beine umschmeichelte. Wenn sie manchmal selbst abends vorm Spiegel stand und ihr Haar bürstete, blieb ihr Blick an ihrem Gesicht kleben. Die blauen Augen waren nicht die der Mutter und der Mund hatte auch einen ganz eigenen Schwung. Je länger sie sich ansah, desto fremder kam ihr das Spiegelbild vor. Als würde der Spiegel ihren Anblick als Einladung nehmen, eine neue Geschichte zu spinnen, blickte ihr plötzlich eine andere Orla entgegen. Eine ältere, wie sie fand und wenn sie dann manchmal selber, lauschend auf die Schritte der Mutter im Flur, nach dem roten Lippenstift griff, ihn vorsichtig öffnete und ihre Lippen an die Kerbe setzte, die die Mutter bei täglicher Benutzung in das rote Stäbchen gefeilt hatte, ihre Lippen entlang strich und eine purpurne Spur um ihren Mund malte, war es als würden die Jahre, die noch vor ihr liegen, ihr aus den fremden Augen im Spiegel entgegenspringen.
“Nimm Schleierkraut für die kleinen Vasen und auf jeden Fall Lilien. Bloß nicht zu bunt und lass dir noch etwas Grün einpacken, aber meine Güte, auf keinen Fall Eukalyptus!”. Als sei Mutter entsetzt über den Gedanken, Eukalyptus könne ihre feine Tafel entstellen, schüttelte sie ihren Kopf. “Nimm dir ein paar Münzen aus meiner Geldbörse, Orla, und zieh dich schnell an, die Floristik öffnet in einer halben Stunde.”, befahl sie dem Kind und schon huschte Orla hinter der Mutter entlang in den Flur.
Schleierkraut, Lilien, etwas Grün. Keine Rosen, bloß keine Rosen. Orla teilte die Worte in einzelne Silben und hüpfte zu ihrem Rhythmus die Einkaufsstraße hinauf. Die Uhr schlug zur vollen Stunde. Sie wusste, nun sperrte der Florist die Türen auf. Die Türglocke läutete zum ersten Mal, als er Kübel und Eimer mit Schnittblumen auf die Straße stellte, bekannte Gesichter grüßte und seinen Rücken nach hinten bog, nachdem er die schwere Last vor dem Laden drapiert hatte. Orla sah den Mann gerade Erde von seiner Schürze streichen und die Schleife im Rücken enger binden, als sie um die Ecke bog und das bunte Blütenmeer sich endlich vor ihr auftat. Sie verlangsamte den Schritt. “Schlei-er-kraut, Li-li-en.”, Orla zählte Silben und Schritte. “Kei-ne Ro-sen, kei-ne Ro-”, als sie den letzten Schritt vor die gläserne Tür setzte. Das Glas war verziert mit Zeichnungen feiner Blumen; gekonnte Pinselstriche, die sicher um die Kurve führten und perfekte Kreise bildeten. Sie umrundeten die Fensterscheibe, die in einem Rahmen aus altem Holz steckte, das sich fast organisch mit romantischen Verzierungen an das Glas schmiegte. Wie zwei Liebenden tanzten Holz und Malerei miteinander und Orla verfolgte ihre Bewegungen mit ihren Augen. Sie fuhr die Linien entlang und stellte sich vor, selbst Teil dieser Harmonie zu werden, winzig klein zu sein und die Kurven und Windungen ablaufen zu können.
Orla erschreckte, als sich hinter ihr jemand räusperte. Sie verbeugte sich entschuldigend vor der alten Dame, die, auf ihren Stock gestützt, die Stufen zur Ladentür erklomm und drückte mit voller Kraft die schwere Tür auf. Orla schlüpfte durch den kleinen Spalt, stemmte die Füße in den Boden und zog sie aus dem Inneren auf, sodass die Dame den Laden betreten konnte. Ein scharfer Luftzug presste sich durch den Spalt, ließ eine Gruppe Windspiele an der Decke aufschreien und schob die alte Dame in den Laden. Diese bedankte sich nickend bei Orla und keuchte ein erschöpftes “Danke.” stimmlos und so leise, dass, hätte Orla es nicht an ihren Lippen ablesen können, sie es wohl überhört hätte. Orla blieb im Eingangsbereich des Ladens stehen und ließ der Frau den Vortritt, die einen Fuß schlurfend vor den anderen setzte. Die Füße stecken in adretten kleinen Schuhen aus schwarzem Leder, die an der Oberseite mit einer aufwendigen Stickerei versehen waren und Orla irgendwie fremd vorkamen, als kämen sie aus großer Ferne und als könne man noch heute die Nase ganz nah an das alte Leder legen und Gerüche fremder Länder ausmachen. Sie stellte sich vor, wie die Frau vor Jahren, als sie noch keinen Stock zum Gehen brauchte, viel gereist war. Orla malte sich aus, wie die kleinen Füße, die inzwischen vor dem Ladentresen angekommen waren, auf fremden Böden standen, wie sie Berge erklommen und in saftigen Auen Gras vom frischesten Grün schmecken durften. Wie sie in kalte Seen glitten oder von den Wellen ferner Meere umspült wurden. Ob die Orla im Spiegel, die Orla mit den roten Lippen solche Böden kannte? Ob sie sich schon in die Ferne hat tragen lassen? Ob sie mit neuen Augen zurückgekommen war und Orla sie deswegen nicht wiedererkannte? Gedankenverloren hatte sich Orlas Hand zwischen den Knospen eines Straußes neben ihr vergraben. Mit ihren Fingerspitzen betastete sie die samtige Oberfläche der Blüten, während ihr Blick den Fokus verlor und sie versuchte, Spiegelbilder übereinander zu legen und mit ihren bloßen Händen Sinn zu schöpfen der doch zwischen ihren Fingern zu entschwinden drohte. Sie stand wieder am Wasser und sah auf die wankende Gestalt hinab, die ihr golden von der Oberfläche entgegen blickte. Dieses Mal aber streckte sie sich, kniete auf der steinernen Kante, ihre Haare reichten fast bis zum Wasser, und wollte greifen, was sich ihr offenbarte.
Die strenge Stimme des Floristen riss sie aus ihren Tagträumen. Orla sah auf und sowohl der Florist, als auch die alte Damen schauten sie empört an.
“Na, junge Dame, den müssen sie nun aber bezahlen.”, mahnte der Florist mit einem vielsagenden Blick auf den Strauß neben ihr, aus dem Orla nun, ertappt wie eine Maus in der Speisekammer, ihre Hand zog und erschrocken feststellte, dass die Blumen, zu allem Überfluss Rosen, völlig entstellt und zerrupft die Köpfe hängen ließen. Sie hatte nicht gemerkt, dass sich ihre Hände selbstständig gemacht hatten und sie nervös die zarten Blütenblätter zwischen den Fingern zerrieb. Beschämt vergrub Orla sie in den Manteltaschen, versteckte die nun leicht rot gefärbten Fingerspitzen und spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss und sie, in genau diesem Farbton, leuchtend zu glühen begannen. In den Manteltaschen vergraben, rieb sie, in der Hoffnung, die Färbung zu entfernen, die Fingerspitzen aneinander, stieß dabei auf das Geld der Mutter, sammelte die Münzen mit zitternden Händen zusammen und legte sie in einem kleinen Stapel, unter den tadelnden Blicken der Erwachsenen, auf den Ladentresen. Es würde kein Geld mehr reichen für die Blumenwünsche der Mutter. Das Schleierkraut, die Lilien, die Orla nun entdeckte, würde sie hinter sich lassen müssen. Sie würde beschämt den Weg nach Hause antreten, den Blick zum Boden, Gesichter meidend, denn jedes Augenpaar würde wissen, welche Enttäuschung sie der Mutter war, ja sogar durch die Augen der Häuser, offene und geschlossene Fenster, konnte sie schon Mutters Vorwurf hören. Ebenso schlurfend wie die alte Dame würde Orla die Stufen zur Haustür empor klettern, einen zitternden Finger ausstrecken und klingeln, die letzten Sekunden ausharren, einen Kloß im Hals herunterschlucken, bevor Mutter sie mit den traurigen Rosen im Arm auf dem Treppenabsatz finden würde.
“Nun geh schon Kind und nimm den Strauß.”
“Ja. Ich entschuldige mich vielmals.”
Demütig griff Orla in die große Zinkwanne, tauchte die Hand in das kalte Wasser und umgriff tropfend das Bündel Rosen. Sie zog die schwere Tür auf und das Läuten der Türglocke entsandte sie in den Einkaufswusel.
Alles war laut, die Einkaufsstraße schrie ihr entgegen, Schritte glichen dem Stampfen einer aufgebrachten Herde Pferde und die Türglocke hallte in ihrem Kopf wider. Der Schall prallte von ihren Innenwänden ab und bäumte sich zu einem stetigen, ohrenbetäubenden Klingeln auf. Orla hielt die Stängel fester, presste ihre Konturen in die Innenfläche ihrer Hände und fixierte wütend und enttäuscht den Boden, der unter ihren schneller werdenden Schritten verschwomm. Sie fühlte sich verscheucht und klein, prallte zusammen mit ihr entgegenkommenden Menschen, die ihr wütend hinterher riefen, nahm die Kurve in Richtung Hafen zu eng und stieß mit dem Strauß in ihrer rechten Hand gegen die Hausecke. Die Nässe der Stängel lief ihr über die Finger, tropfte auf den Boden und hinterließ eine feuchte Spur auf dem Asphalt. Orla merkte, als sie gerade das Blau des Wassers erblickte, den Schritt verlangsamte und der Kloß in ihrem Hals zu schrumpfen begann, dass das Nass ihrer Hände hellrot leuchtete. Dieses Mal war es nicht das Rot, das sich aus den Blütenblättern gelöst hatte, sondern Orlas eigenes Blut. Sie hatte nicht bemerkt, wie, unter dem festen, flehenden Griff ihrer Hand, die Dornen der Rosen ihre Haut durchdringt und eine Perforation in ihrer Handinnenfläche hinterlassen hatten. Erschrocken ließ sie die Rosen fallen und inspizierte die Markierungen, aus denen in kleinen Tropfen das Blut rann und sich mit dem Rosa ihrer Fingerspitzen in wunderschöner Harmonie vermischte. Ein Gefühl machte sich in ihr breit und durchfluss sie wie warme, zähe Molasse. Fast friedlich und besonnen griff sie, die Hände immer noch blutig, nach dem Strauß, legte ihn in ihren Arm und trug ihn wie einen kostbaren Schatz oder ihr eigenes Kind zum Wasser.
Sie kehrte zurück zur Kante und schob die Fußspitzen über den Rand. Die Sonne stand nun höher und alles, was zuvor noch in tiefem Gold den zitternden Wasserspiegel schmückte, noch schüchtern glimmte, hatte sich in der Zwischenzeit in ein grelles Leuchten verwandelt. Mittig ein großer weißer Fleck, als hätte ihn jemand auf das Wasser gepinselt, dort, wo die Sonne sich spiegelte. Es leuchtete Orla von unten entgegen, als sei die Welt plötzlich gänzlich im Wasser versunken und nur sie, alleine zurück geblieben, von außen zuschaute. Dort, wo ihre Schuhspitzen die Kante überragten, lag, wie in einem gemachten Bett, Orlas Abbild vor ihr, das, nun heller, ihre Konturen klar wiedergab. Da war Orla, der lange Mantel, das dunkle Haar, die nackten Hände, das Blut und die Rosen. Die Rosen; die verhassten, traurigen, kaputten und hängenden Rosen. Die Rosen, die die Mutter nicht wollte, die aus Kaffeekranz Beerdigung machten. Die, aus denen Großmutters Geist sprach und die, in denen Mutter sich spiegelte, in denen sie etwas sah, wovor sie die Augen zu verschließen versuchte. Es waren die Rosen, die Orla nun stützte, ja, wiegte. Trotz der hängenden Köpfe schmückten blutrote Flecken die Wasser-Orla. Sie schienen ihre Umrisse zu durchdringen und die Grenze zwischen dem Mädchen und den Blumen aufzulösen. Orla ging auf die Knie, um ihr näher zu sein; dieser Gestalt, die ihr entgegenblickte. Die sich nach ihr reckte, gar zu sehnen schien, als Orla die blutige Hand zum Wasser ausstreckte. Die Figur, dessen Haare sich verschwommen zum gleichen Zeitpunkt hinter dem Ohr lösten und die, die anfing sich aufzulösen, als Orlas Finger endlich die Oberfläche des Wassers durchdrangen. Der Spiegel zersprang, doch tat ihr nicht weh. Während sich das Blut im Wasser verdünnte, sah Orla die Reflektion sich erheben. Sie griff zu dem im Wellenspiel schwimmenden Blumenstrauß und umschloss mit ihrer Faust eine Blüte. Beherzt entriss sie die Blütenblätter ihrer Basis, gab sie auf die Wasseroberfläche und ließ zwei Welten ineinander fließen. Ihre Reflektion schien zu schweben, während sie den Blumenstrauß gänzlich entartete. Bevor die Blütenblätter wie dicke rote Tropfen Orlas gesamte Reflektion zu bedecken drohten, erhob sich die Gestalt. Orla sah, wie sie, von Wellen und Rosenblättern umspielt, empor stieg. Wie die Wasser-Orla die Kleider abstreifte, wie sie die Stiefel locker band und sich die Strümpfe von den Waden zog. Orla beobachtete, wie sie nacheinander griffen. Wie ein Arm und eine Hand sich zur Oberfläche steckten, wie das Abbild im Wasser nach der Hand griff und sie in ihrer Zweisamkeit einige der Rosenblätter umschlossen. Dann spürte Orla das eiskalte Wasser. Als würde es sie küssend, liebend empfangen, prickelte ihr gesamter Körper und sie gab sich gänzlich hin, fühlte sich abrutschen und rang noch nach ihrem Bewusstsein, was aber schon längst versickert war.
Und das war das letzte, was man von Orla Fitz gesehen hat. Übrig blieb ein sorgsam zusammengefalteter Haufen Kleidung: feine Stoffe, mit Spitze verzierte Ärmelsäume, der schwere, wollene Mantel, die Stiefel, von denen einer umgefallen war und an der Hafenkante lag ein nackter Strauß Rosen.
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