Ich war kein ordentliches Kind. In meinem Zimmer stapelten sich Klamotten, Kuscheltiere, Spielzeug, meistens hüllenlose CDs und Kassetten, Magazine oder Bücher. Viel zu häufig mahnte meine Mutter mit den Worten, alles in den Müll zu schmeißen, was in einer beliebigen Anzahl an Minuten noch auf dem Boden lag. Den blauen Müllsack holend verließ sie mein Zimmer und ich blieb im Chaos zurück. Es gab diese Ecken. Jene, in denen man Ramsch schnell verschwinden lassen konnte; unterm Bett, im Kleiderschrank ganz unten, in der Kommode. Es waren beliebte Orte, an denen ich zwar irgendwann nichts mehr wiederfand und dennoch in Windeseile die wichtigsten Dinge verstaute, und meiner Mutter, war die Zeit abgelaufen, den freien Boden meines Zimmers präsentierte. Natürlich kannte sie diese Ecken. Sie wurde nicht nur einmal von einer Lawine von Kleidungsstücken überrascht, als sie meinen Kleiderschrank öffnete und stoß beim Saugen öfter auf lang vermisstes Spielzeug meines Bruders, das auf mysteriöse Weise unter meinem Bett gelandet war. Dennoch betrat sie nach einem kleinen Countdown, unter dem ich noch die letzten Schätze vor ihrem Schicksal auf irgendeiner Müllkippe rettete, mein Zimmer und nickte zustimmend, steckte die Rolle mit den blauen Müllsäcken in ihre Hosentasche, sagte mir, dass ich ja nochmal Glück gehabt habe und machte sich schmunzelnd auf den Weg die Treppe hinunter. Kichern schloss ich meine Tür und stolzierte siegreich, in dem Glauben, sie reingelegt zu haben, die Ränder meines Teppichs entlang.
Mein Zimmer gibt es nicht mehr, wir zogen allesamt aus dem Haus aus und gingen getrennte Wege. Alles, was ich besaß, war seit meines Auszugs in meinem WG Zimmer und bei jedem Umzug war ich wieder mit der schieren Menge meines Besitzes konfrontiert. In ängstlicher Voraussicht, nicht alles im Transporter unterbringen zu können, überkam mich jedes Mal die Ausmistungsmanie, nur um dann trotzdem bangend Karton auf Karton zu stapeln und bis zur letzten Minute, es war schon lange klar, dass alles passen würde, fingernägelkauend, lippenbeißend, schaudernd zu Erahnen, dass der Laderaum aus allen Nähten platzen würde. Aber nein, Überraschung, dies war nie auch nur ansatzweise der Fall. Ich kam also jedes Mal in meiner neuen Wohnung an, fand für alles einen Platz und betete, dass der nächste Umzug noch lange auf sich warten ließ.
Trotzdem kann ich nun meine Meldeadressen der letzten acht Jahre nicht mehr an einer Hand abzählen. Ich wohnte mit Freunden, mit Fremden, mit Liebesbeziehungen und mit mir selbst. Ich wohnte im Grünen und an Straßen, hörte Vögel, Kühe, manchmal Rehböcke, aber auch Autos, Busse, Krankenwagen und Straßenbahnen. Mal gab es viel Platz, ganze Wohnungen für mich, andere Male standen meine Möbel Schulter an Schulter und auf dem Boden blieb gerade noch Platz für eine Yogamatte. Wenn ich zurückdenke und mir vor Augen rufe, wie meine Wände bestückt waren, was in Regalen und Schränken lag, was ich auf Fensterbänken aufstellte und hinter Türen verschwinden ließ, sehe ich deutlich die Veränderungen, die ich durchlaufen habe und ja, dass es mir mit der Zeit immer leichter fiel, zu ordnen, zu räumen und zu sortieren. Vor meinem letzten Umzug lag ich auf meinem Bett und ließ den Blick schweifen. In einer Ecke hatte ich Möbelteile aufgestellt und in einer Dose daneben Schrauben in beschrifteten Tüten verstaut. In einer anderen Ecke stapelten sich die ersten Umzugskartons. Ich dachte an den neuen Raum, den ich bewohnen würde, schloss die Augen und rückte in meinem Inneren Möbel hin und her. Das, was seit so vielen Jahren bei mir ist, schon viele Treppenstufen hinunter und hinauf getragen wurde; Bilder, die weiße Raufasertapeten belebten, Pflanzen, die wuchsen, Pflanzen, die vertrockneten und einige, die wiederbelebt wurden, Holz, das sich verfärbte und Poster, die verblichen, umgibt mich und definiert mich und macht doch auf wundersame Weise jeden Raum zu etwas, was irgendwie mir gehört.
Ich erinnere mich an die Male, als ich zum ersten Mal die Zimmer von Freunden und Freundinnen bertrat. Ehrfürchtig überschritt ich die Türschwellen und es war, als würde ich das, was meine Lieben sind, wie eine Galerie durchschreiten. Ich badete in ihren Wesen und schmeckte ihre Seelen, während ich Bilder anschaute, Buchrücken betastete, Muscheln auf Fensterbänken und alte, auseinanderfallende, auf Kopfkissen drapierte Kuscheltiere fand. Immer mal wieder versuche ich heute, mich selbst einzuladen, auch mein Zimmer wie eine Unbekannte wahrzunehmen. Ich stehe vor meiner Zimmertür und lege die Hand auf die Klinke. Ich atme aus, scheuche alles aus meiner Lunge und nehme, die Tür öffnend, einen tiefen Atemzug, in der Hoffnung, den Geruch meines Zimmer definieren zu können. Mein Zimmer ist in gelbes, wärmliches Licht getaucht. Ich sehe Möbel aus Holz, einen Teppich aus Bast und ein niedriges Bücherregal. Ein Sessel vor den Fenstern wird von der Sonne bestrahlt. Staubkörner tanzen im Licht und fallen nieder. Auf meinem Bett eine helle Decke und auf dem Kopfkissen mein Kuscheltier. Die Pflanzen haben lange Arme und legen sie freundschaftlich auf mein Regal. Hier und da finde ich Kunst an der Wand, kleine Postkarten mit Motiven, die mir etwas bedeuten und Erinnerungsstücke an andere Zeiten. Auf dem niedrigen Sideboard steckt ein halb abgebranntes Räucherstäbchen in seiner Halterung und in einer kleinen Vase einzelne Blumen. Ich finde einen Stapel angefangener Bücher neben meinem Nachtschrank und ein aufgeschlagenes Sudokuheft auf dem Bett. Ich schließe die Tür hinter mir und hole hinter ihr zwei Holzböcke hervor. Ich stelle sie mit genug Abstand auf meinen Teppich und trage die Tischplatte hinterher. Der rote Klappstuhl steht neben meiner Gitarre und ein Kissen dafür finde ich im Sessel. Ich hole meinen Laptop aus dem Regal hervor und setze mich an den Schreibtisch. Ich blicke auf und schaue hinaus. Durch die Fenster sehe ich die gegenüberliegende Hauswand und all die Geschichten, die sich hinter ihren Fenstern verbergen. Es kitzelt mir in den Fingern und ich lasse mich nieder. Vorm Fenster, nicht zentral steht mein Schreibtisch und hier tue ich genau das: Schreiben. Ich öffne meinen Kopf und schütte alles hinaus. Ich jongliere mit Worten und manchmal kommt sowas dabei raus.
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